Coleco Chameleon: Neuer Retro-Schatz oder Crowdfunding-Abzocke?

Design-Entwurf für das Coleco Chameleon (Screenshot von www.retrovgs.com)

Design-Entwurf für das Coleco Chameleon (Screenshot von retrovgs.com)

Es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein: Das ambitionierte Projekt zur Herstellung der neuen Retro-Konsole Coleco Chameleon (ehemals Retro VGS) ist in den letzten Tagen und Wochen von Kontroversen umhüllt. Anscheinend gibt es bis heute keinen funktionierenden Prototyp der Konsole – obwohl in Kürze ein Kickstarter online gehen soll. Mehr noch: Das Entwickler-Team scheint bei Präsentationen und Fotos mehrmals versucht zu haben, Fans und Öffentlichkeit zu täuschen.

The Golden Age of Videogaming

Die Idee hinter dem Retro VGS ist es, die goldene Ära des 2D-Gamings wiederzubeleben: 8-Bit und 16-Bit, 80er und frühe 90er, Nintendo und Sega sind bis heute Fan-Lieblinge. Spiel-Mechanismen und grafischer Stil der Zeit sind immer noch omnipräsent. Das Retro VGS soll eine neue Konsole im alten Stil sein, mit neuen Spielen auf altmodischen ROM-Modulen statt Download oder Disc.

Doch wie genau das funktionieren kann, auch aus wirtschaftlicher Sicht, blieb lange unklar. Eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter wurde angekündigt, dann aber auf Indiegogo verschoben – mutmaßlich hatte das Projekt eine Richtlinie von Kickstarter nicht erfüllt, einen Prototyp oder nähere Spezifikationen vorzuweisen. Auf Indiegogo sammelte das Projekt bis Anfang November 80.000 US-Dollar – recht ansehnlich, aber weit entfernt von dem Ziel von 1,9 Millionen.

Neuer Name, neues Glück?

Das Team ließ sich jedoch nicht entmutigen und konnte überraschenderweise im Dezember einen neuen Namen präsentieren: Coleco Chameleon soll das Gerät nun heißen, nachdem mit der US-Firma Coleco ein Lizenzdeal vereinbart wurde. Ein Kickstarter wurde ebenfalls angekündigt. Das Unternehmen Coleco war Anfang der 80er für kurze Zeit ein Hauptdarsteller auf der Videospiel-Bühne, als ihre Konsole Colecovision mit atemberaubender Grafik und hochwertigen Arcade-Umsetzungen ganz oben auf den Wunschzetteln landete. Der Videospiel-Crash von 1983 zerstörte allerdings viele Hoffnungen, und seitdem hat die Spielzeugfirma sich fast komplett aus der Branche zurückgezogen.

Prompt ging es mit dem Chameleon allerdings wieder abwärts: Ein auf der New Yorker Spielzeugmesse Toy Fair vor wenigen Wochen präsentierter Prototyp war mutmaßlich ein Super Nintendo-Motherboard in einem Chameleon-Gehäuse und ein bei Facebook gepostetes Bild eines neuen Prototypen zeigte offenbar nur eine alte video capture card – also etwas, was von weitem wie ein Motherboard aussehen könnte – in einem neuen, halbdurchsichtigen Gehäuse. Auf den ersten Blick erscheinen beide Aktionen wie plumpe Täuschungen, um den Hype aufrechtzuerhalten.

Der noch relativ frische Namenspate Coleco kündigte nun in einem Facebook-Statement an, der Sache auf den Grund zu gehen. Der ehemals gespannten Community wird es nun wohl niemand mehr nachsehen, wenn jeder neuen Ankündigung mit Skepsis begegnet wird. Bevor ein Kickstarter für das Coleco Chameleon auch nur entfernte Aussichten auf Erfolg haben könnte, muss das Entwicklerteam genaue technische Spezifikationen und/oder einen funktionierenden Prototyp vorweisen – und die geschehenen Verfehlungen plausibel erklären.

Design-Drittverwertung

Übrigens, wem die Gehäuseform des Chameleon seltsam bekannt vorkommt, vertut sich nicht: Um Geld zu sparen, kauften die Chameleon-Entwickler die Gussformen von Ataris gefloppter 64-Bit-Konsole Jaguar aus den 90er Jahren auf. Dies ist sogar bereits die dritte Station für das Gehäuse: In einem skurrilen Stück Design-Geschichte erwarb vor Jahren ein Hersteller von Zahntechnik-Geräten die Formen, um sie als Station für eine Dentalkamera zu verwenden. Appetitlich!

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.