Eine neue Kunstform: „MIDI Art“ ist eine Symbiose aus Zeichnung und Komposition

Ein Ausschnitt aus dem MIDI-Art-Stück "MIDI Drawing no. #11 - The Adventures of a Little Girl" von Mari Lesteberg (Screenshot von Youtube)

Ein Ausschnitt aus dem MIDI-Art-Stück „MIDI Drawing no. #11 – The Adventures
of a Little Girl“ von Mari Lesteberg (Screenshot von Youtube)

Die visuelle Darstellung von Musik, von Tönen und Tonabfolgen erfolgt klassischerweise durch Notenschrift – ein System, das sich aus Ursprüngen in der Antike über die Jahrtausende entwickelt hat und noch immer der Standard vor allem für so genannte „ernste“ Musik ist.

Doch im Computer-, Informations- und Kommunikationszeitalter ist die Beherrschung von Notenschrift zur Erstellung von Kompositionen nicht mehr zwingend erforderlich. Ein Großteil von Musik wird heute mit Hilfe so genannter Sequenzer geschrieben, Programme zur Kombination von Tönen, Melodien und Instrumenten. Während diese auch klassische Notation darstellen können, verwenden viele Künstler_innen stattdessen aber eine Ansicht, die auf der Klaviatur beruht und Tonhöhen und -längen in verschiedenen Strichen und Punkten darstellt.

MIDI made me do it

Die meisten dieser Sequenzer-Programme nutzen den elektronischen Standard MIDI, der auch Namensgeber ist für eine neue Kunstform: MIDI Art. Diesen aktuellen Trend gestartet hat offenbar der US-amerikanische Musiker Savant a.k.a. Aleksander Vinter, als er am 9. Februar 2017 ein Video seiner Komposition „Bird in the Rain“ auf Facebook hochlud:

3,7 Millionen Klicks hat das Video bis heute gesammelt und wurde damit, obwohl nur eine kurze Spielerei, zum viralen Hit. Die Symbiose von einer Komposition und einer Zeichnung – die wiederum gleichzeitig die visuelle Repräsentation von Tonhöhen und -längen des Stücks im Sequenzer ist – schien einen Nerv zu treffen.

Bald adaptierten andere Künstler_innen die neue Kunstform und experimentierten selbst mit MIDI Art. Der Youtube-Musiker Andrew Huang, mit über 600.000 Abonnenten kein Unbekannter auf der Videoplattform, veröffentlichte am 20. Februar ein MIDI-Einhorn, das bisher 1,7 Millionen Views bekam.

Enter the Master

Auf ein anderes Level wurde die MIDI Art gehoben von der norwegischen Musikerin und Komponistin Mari Lesteberg, die am 23. Februar anfing, MIDI drawings auf Youtube zu posten. Bisher hat sie 16 dieser „MIDI-Zeichnungen“ hochgeladen mit so unterschiedlichen Themen wie Frank Zappa, Pokemons, nächtlicher Autoverkehr oder Super Mario.

Lestebergs MIDI-Kunststücke heben sich nicht nur durch die kompositorische Qualität ab, sondern auch durch ihre Verwendung von Farben, wodurch die Zeichnungen häufig an Pixelart erinnern. Ihr Meisterwerk ist noch nicht einmal zwei Wochen alt und wurde bisher rund 300.000 mal angeschaut: „MIDI Drawing no. #11 – The Adventures of a Little Girl“ schafft mit düsteren Synthesizern, einer ominösen Basslinie und einem grünblauen Tannenwald eine beeindruckende Atmosphäre:

Wer hat’s erfunden?

Wie bei vielen vermeintlichen Innovationen gibt es natürlich auch für die MIDI Art Vorläufer und Ursprünge. Wie die Webseite KnowYourMeme anmerkt, wurden bereits ab 2011 unter dem Namen „Black MIDI“ Videos auf Youtube hochgeladen, die in Sequenzern Kompositionen und visuelle Kreationen vereinten – auch wenn diese rein optisch oft wenig Gemeinsamkeiten mit heutiger MIDI Art aufweisen.

Schon sehr viel ähnlicher scheint dagegen, zumindest auf den ersten Blick, das Stück „Die Landschaft in meiner Stimme“ des deutschen Komponisten und Wissenschaftlers auf dem Feld Neuer Musik, Klaus Hinrich Stahmer. Die Ähnlichkeit ist umso bemerkenswerter angesichts der Tatsache, dass die visuelle Form von MIDI Art – im Gegensatz zu Stahmers früherem Stück – den besonderen Zwängen und Formen der Sequenzer-Software unterliegt.

Klaus Hinrich Stahmer: "Die Landschaft in meiner Stimme" (Ausschnitt)

Klaus Hinrich Stahmer: „Die Landschaft in meiner Stimme“ (Ausschnitt)

Tatsächlich ist die Musikgrafik oder musikalische Grafik ein seit Jahrzehnten etabliertes Konzept. Welche Formen und Ausformungen diese Vorfahren der noch jungen MIDI-Kunst hatten und haben, führt ein Eintrag von Isabel Stegner in „Rapaukes Klangwelt“, einem Education-Blog des Sinfonieorchesters Berlin, anschaulich aus.

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