Ende einer Ära: Diesen Monat werden die wohl letzten Videorekorder hergestellt

Ein Teil meiner VHS-Sammlung

Ein Teil meiner VHS-Sammlung

Ich wuchs in einem bildungsbürgerlichen Klischee der 80er auf: Akademiker-Eltern, riesen Bücherwand, Fernseher ja, aber natürlich nur mit „den öffentlich-rechtlichen“: ARD, ZDF, WDR. Nach Elterndefinition grober Unfug kam ohnehin nicht auf den Schirm, bei der Große Pause-Diskussion um A-Team, Knight Rider etc. war ich also gleich zweifach außen vor.

Anfangs legte mein Vater auch noch großen Wert darauf, dass wir keine „Videoten“ wären. Videokassetten und -rekorder waren der verlängerte Arm der kulturlosen Horden des zeitgenössischen Hollywood und hatten demnach bei uns nichts zu suchen. Irgendwann um ’90 herum änderte sich das: Zu verlockend war wohl die Aussicht, wertvolle Filme und Sendungen aufzunehmen und zu archivieren. Meine Schwester und ich frohlockten.

Der Charme des Unvollkommenen

Das Format VHS beherrschte die 80er und 90er Jahre und behielt auch nach dem Siegeszug der DVD noch eine beachtliche Fangemeinde. Das ist erstaunlich für ein eigentlich sehr unvollkommenes Format. Die Vorzüge lagen aber auf der Hand: VHS war relativ günstig und Fernseh-Mitschnitte, Kopien oder eigene Camcorder-Aufnahmen waren noch lange einfacher zu bewerkstelligen als bei digitalen Alternativen.

Später umwehte die Videokassette für Kinder der 70er bis 90er ein Charme, ähnlich dem von Vinyl und Audiokassetten: Wir wuchsen mit ihnen auf und verbinden das visuelle Gebritzel und die lausigen Farben mit den Filmen und Serien unserer Kindheit. Bis heute ist es schwer für mich, auf Flohmärkten VHS-Kassetten guter Filme liegen zu lassen.

Ende einer Ära

Doch anders als Vinyl scheint sich das Zeitalter der Videokassette jetzt vielleicht seinem Ende zu nähern. Wie die US-Webseite The Verge meldet, plant das Unternehmen Funai Electric, der letzte japanische Hersteller von neuen VHS-Rekordern, die Produktion bis August 2016 einzustellen. Auch anderswo auf der Welt werden die Geräte offenbar nicht mehr hergestellt.

Das ist wohl 1080p, HDMI, Blu-ray und Streaming zu verdanken: Auf modernen Fernsehern (so sie noch einen SCART-Anschluß haben) sehen die schwammigen VHS-Bilder mittlerweile derart ungestalt aus, dass der Retro-Appeal nicht mehr ausreicht. Im Gegensatz dazu ist Vinyl fest in vielen Musikszenen verankert und hat auch unter Audiophilen noch sehr viele Liebhaber.

Ganz angezählt ist die VHS aber noch nicht: Kassetten sind noch erhältlich, wie ein Besuch an der lokalen Supermarkt-Kasse zeigt, und werden es wohl auch vorerst bleiben. Wer weiß, vielleicht erlebt die VHS ja noch eine massive Retro-Welle; Smartphone-Apps zur Verfremdung von Videoaufnahmen im nostalgischen VHS-Stil gibt es zumindest schon.

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