England: Brexit-Befürworter blamiert sich im Radiointerview

Gespenst Brexit: Seit der überraschenden Entscheidung für das Verlassen der EU sind selbst viele der ehemaligen „Leave“-Befürworter im Vereinigten Königreich skeptisch geworden. Das einst glorreiche britische Pfund stürzt ab, die prominenten Anti-EU-Wahlkämpfer Boris Johnson und Nigel Farage hatten dreist gelogen – und die düpierte Rest-EU drängt auf einen schnellen und ökonomisch schmerzhaften Austritt, der wohl im kommenden Frühjahr beginnen wird.

Leave what?

Doch nicht alle, die gegen den Verbleib gestimmt hatten, sehen eine düstere Zukunft. Der selbständige Elektriker Ashley (Nachname unbekannt) aus Pinner im Nordosten Londons rief gestern in einer Radio-Talkshow des Senders LBC an, um seine Unterstützung für das Brexit zu bekräftigen. Er begrüße, dass die UK nach dem Austritt wieder „volle Kontrolle über die eigenen Gesetze“ haben werde – ein beliebtes Argument im „Leave“-Lager. Dafür wäre er bereit, „kurzfristige ökonomische Nachteile“ in Kauf zu nehmen.

Doch Moderator James O’Brien ließ den Mann nicht so leicht davonkommen: Er hakte nach und bat ihn, einige der oppressiven EU-Gesetze aufzuzählen, die er sich so sehnlichst wegwünsche. Scherzhaft nannte Ashley die Form von Bananen – eine simple Verordnung, die von EU-Gegnern auch außerhalb des Vereinigten Königreiches schon lange populistisch verzerrt als Argument genutzt wird.

No brown people, please

Ein tatsächliches Beispiel für EU-Gesetzgebung, die englischen Bedürfnissen widerspreche oder seinem wirtschaftlichen Erfolg im Wege stehe, konnte er aber nicht nennen. Später im Gespräch räumte Ashley dann ein, dass „größere Kontrolle über Immigrationspolitik“ ein entscheidender Faktor für seine Entscheidung gewesen sei – und dass, obwohl Großbritannien in diesem und letztem Jahr wohl erst einige Tausend Geflüchtete aufgenommen hat. Auch Moderator O’Brien kritisierte ihn: “If immigration is all you’ve got, then you’re the cliché.

Das Gespräch ist symptomatisch für die Prozesse, die populistische Politik – Brexit, Trump, AfD etc. – derzeit so erfolgreich machen: Fakten sind dehnbar und können mit minimaler Affinität zu Verschwörungstheorien als propagandistische „Lügenpresse“ abgetan werden. Übrig bleiben scheinbar nur Meinungen, die stets ideologisch einsortiert werden.

So hat sich der politische Diskurs in Deutschland, in den USA und auch in England immer mehr polarisiert. So haben die Wähler_innen im Vereinigten Königreich im Juni eine Entscheidung getroffen, die sie vielleicht noch bereuen werden – oder für deren fatale Folgen in einigen Jahren wieder andere Akteure verantwortlich gemacht werden.

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