Gesetzesvorlage will Obdachlosigkeit aus dem Stadtbild von San Francisco verbannen

Eine obdachlose Person in San Francisco (Foto: JCruzTheTruth, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Eine obdachlose Person in San Francisco (Foto: JCruzTheTruth, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

San Francisco ist einer der Orte mit den höchsten Lebenshaltungskosten der Welt, was die Westküsten-Stadt in den USA hauptsächlich dem Silicon Valley zu verdanken hat – einer massiven Ansammlung von Firmen aus der Technologie- und Internetbranche. Der anhaltende Social Media-Boom treibt junge, hochbezahlte Professionelle nach San Francisco und das benachbarte San José – und die Immobilienpreise in lächerliche Höhen.

Die Gentrifizierung läuft also auf Hochtouren. Wer nicht mindestens 1000 US-Dollar Miete (rund 910 Euro) monatlich locker machen kann, dem droht ganz simpel die Obdachlosigkeit. Die boomt daher leider auch: Gerade an der US-Westküste leben immer mehr Menschen auf der Straße. Etwa 60% der Obdachlosen in San Francisco lebten und arbeiteten bereits vorher in der Stadt und wurden durch den immensen Preisanstieg aus ihren Lebensverhältnissen verdrängt.

Das letzte Gefecht: Verdrängung von den Gehsteigen

Im Gegensatz zum Rest der USA haben in Kalifornien rund zwei Drittel der Obdachlosen keinen Zugang zu shelter, temporären Unterkünften für die Nacht – oder sie nutzen sie nicht, weil diese Einrichtungen häufig Brennpunkte für Gewalt, Rassismus und Sexismus sind. Improvisierte Behausungen und Zeltstädte sind daher für die Bewohner_innen der so genannten Bay Area ein gewohnter Anblick.

Doch wenn es nach dem Willen einiger sehr wohlhabender Akteure aus der Tech-Branche geht, soll sich das bald ändern: Eine „Proposition Q“ würde das S.F. Police Department ermächtigen, Behausungen auf Gehsteigen nach einer angekündigten 24-Stunden-Frist zu entfernen. Der Gesetzesvorlage nach müsste damit die Bereitstellung eines Unterkunft-Bettes oder eines Bus-Tickets in eine andere Stadt einhergehen. Zelte und Habseligkeiten der Bewohner_innen könnten demnach beschlagnahmt werden.

Tech-Bros are the worst

Auch wenn Proposition Q vorgeblich darauf abzielt, potentiell gefährliche und unhygienische Zustände zu vermeiden, kann auch eine andere Zielrichtung herausgelesen werden: Der zufolge Obdachlosigkeit vor allem ein optisch-ästhetisches Problem ist und die Ursachen der katastrophalen Lage keiner Korrektur bedürfen. Insofern wird die Initiative auch in US-Medien kritisiert und in eine Reihe von „Vorfällen“ eingeordnet, in denen sich teils prominente Tech-Größen mit bemerkenswerter Taktlosigkeit zu Obdachlosigkeit ausließen.

Das Klischee ist dabei das vom „Tech-Bro“: Ein weißer, männlicher Angestellter im Silicon Valley, zwischen 25 und 35 Jahren alt, gut ausgebildet und mit hohem Einkommen. Tech-Bros leben meist erst seit kurzem in der Stadt und sind aus ihrer suburbanen Jugend und der College-Zeit unter Umständen nicht die öffentliche Sichtbarkeit von Armut und Obdachlosigkeit gewohnt. Sie formulieren daher den Anspruch, mit deren Auswirkungen nicht konfrontiert werden zu wollen – ohne zu verstehen, welche Prozesse sie überhaupt erst ermöglichten.

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