Glossar „Alt Right“: Neue Rechte in den sozialen Medien – Echokammer

Eine Illustration für den Eintrag "Echokammer" im Glossar "Alt Right" - Neue Rechte in den sozialen Medien

Der erste Artikel in dieser Reihe im neuen Jahr 2017 behandelt keinen konkreten Begriff oder Code innerhalb der Alt Right, sondern eine der technologischen Voraussetzungen für das Aufkommen und Erstarken dieser neuen rechten Bewegung: Die so genannte Echokammer.

Der Begriff stammt ursprünglich aus der Akustik und der Tontechnik und beschreibt einen Raum, der zu Aufnahmezwecken speziell konstruiert wurde, um einen Halleffekt zu erzeugen.

Im Social Media-Kontext wird mit dem Begriff Echokammer (auch Filterblase, englisch echo chamber oder filter bubble) der Zustand beschrieben, dass User_innen online häufig ausschließlich solche Inhalte und Meinungen präsentiert bekommen, denen sie ohnehin zustimmen.

All Hail the mighty Algorithm

Die entscheidenden technologischen Prozesse, der zu diesem Zustand führen, sind die Content-Algorithmen von sozialen Medien wie Facebook und Suchmaschinen wie Google, gefüttert mit der Dynamik der „1-Klick-Beteiligung“ in sozialen Medien durch das Liken, Anschauen, Favorisieren, Upvoten etc.

Content-Algorithmen arbeiten auf der Basis personalisierter Nutzerdaten (deren Erhebung mitunter rechtlich fragwürdig ist) und zielen darauf ab, der Person nach Möglichkeit nur oder mit sehr hoher Priorität Inhalte (sowie Werbung ) zu präsentieren, die für ihn oder sie von Interesse sind – womit die Person weiterhin an die Plattform gebunden wird.

Wo dieses Interesse liegt, wird ermittelt beispielsweise durch die Häufigkeit und Dauer von Seitenaufrufen, die Frequenz von Likes und Reaktionen, das Akzeptieren von Inhalten, die durch die Plattform vorgeschlagen werden – während ein Algorithmus im Hintergrund all diese Daten kombiniert und ein Profil mit Negativ- und Positivlisten erstellt, der allen verfügbaren Content selektiert.

More of the same, please!

Der Effekt dieser medialen Echokammer, in der jedem Menschen im Grunde seine eigene Meinung entgegenhallt, ist der einer scharfen politischen Polarisierung: Je mehr der User von Meinungen, Meldungen, Analysen und Einordnungen einer speziellen ideologischen oder politischen Richtung umgeben ist, desto abwegiger, haltloser und inkorrekter erscheint alles Abweichende.

Die große und stark wachsende Bedeutung, die diesem Zustand beigemessen werden muss, rührt aus einem veränderten Verhalten im Medien- und Internetkonsum. Verschiedenen Statistiken zufolge beziehen weltweit zwischen 30 und 50% aller Menschen ihre täglichen Nachrichten primär von Facebook. Diese Zahlen steigen seit Jahren kontinuierlich und sind bei jüngeren Internet-Nutzer_innen tendenziell höher als bei älteren.

Und so bestimmen News von Facebook-Seiten – darunter etablierte Medien, aber auch Seiten von kleinen Betreibern, Blogs, Fanseiten, Privatpersonen etc. – die Meinungsbildung von hunderten Millionen Menschen weltweit. Ethische oder journalistische Standards sind für manche dieser Akteure Fremdwörter oder gar Hindernisse.

I’m not fake news! You’re fake news!

Traditionelle Medien dagegen verschreiben sich generell – mal mehr, mal weniger – einer Unabhängigkeit und Unparteilichkeit. Ihre Professionalität – wenige Jobs, hohe Standards in der Ausbildung und für die Inhalte – wirken wie Gatekeeper, wodurch extreme politische Meinungen und Ideologien nur am Rande Akzeptanz und Erfolg finden. Die kommunikative Revolution des „Web 2.0“ und der sozialen Medien hat diese Verhältnisse stark aufgeweicht – was nicht nur positive Folgen hat.

Denn nun führen die Echokammer und die Debatten um fake news und das postfaktische Zeitalter zu einem Kreislauf der Polarisierung, der nur fatal sein kann – für das politische Klima ebenso wie für den Zusammenhalt einer Gesellschaft an sich.

Es gibt aber auch Gegenbewegungen: Reddit etwa ist ein Beispiel für eine Social Media-Plattform, die dem User relativ viel Kontrolle über Content-Sichtbarkeit einräumt und gleichzeitig Vielfalt eher fördert als unterdrückt. Auch Twitter ist tendenziell keine komplette Echokammer, da Hashtags nur schwer von einer Seite komplett vereinnahmt werden können. So ist es kein Zufall, dass sich gerade hier viele Diskussionen entwickeln. Die sind zwar oft hitzig, polemisch, grenzwertig – aber sie sind immerhin ein Austausch von Ideen und Ansichten.

 

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