Glossar „Alt Right“: Neue Rechte in den sozialen Medien – Eine Einführung

Illustration Alt Right

Von Robert Ott

Das Jahr 2016 geht seinem Ende zu. In den letzten sechs Monaten haben zwei Ereignisse die Welt geschockt, die noch vor einer Weile als undenkbar galten: Das Brexit und der Sieg Donald Trumps im Rennen um die US-Präsidentschaft. Zwei Entscheidungen, zwei Siege für die populistische Rechte, über deren mittel- und langfristige Auswirkungen nur spekuliert werden kann.

FIrst we take Manhattan, then we take Berlin

In Deutschland wird nun natürlich nervös in Richtung Herbst 2017 geschielt. An einem Termin zwischen dem 23. August und dem 22. Oktober findet die Wahl des 19. Deutschen Bundestags statt, und die Sorge vor einer immer stärkeren AfD ist real: Sie ist, zusammen mit Pegida, ohne Zweifel die deutsche Vertretung der neuen Rechten.

Die Frage ist dabei nicht nur: Wie, wenn überhaupt, kann man einer breiten, von Mainstream-Politik frustrierten rechtsorientierten Wählerschaft klarmachen, dass Populismen, simplifizierte und verkürzte Ansätze und ethnischer Nationalismus weder in England, noch in den USA, noch in Deutschland Probleme lösen werden?

Die Frage ist auch: Wie geht man mit der neuen jungen Rechten in den sozialen Medien um, der selbsternannten „Alt Right“ oder Alternativen Rechten? Seit klar ist, dass Steve Bannon der ranghöchste Berater des neuen Präsidenten Trump wird, bemerken auch große deutsche Medien wie Welt oder Spiegel den Paradigmenwechsel: Bannon ist der Vorstandsvorsitzende von Breitbart News, einer der ideologischen Geburtsorte und Stützpunkte der Alt Right. Damit ist sie in dem von ihr eigentlich so verhassten politischen Establishment angekommen.

Dieser Text stellt die Begründung einer Reihe dar, die sich dem Phänomen Alt Right glossarisch nähern will, denn viele der von ihr inflationär verwendeten Begriffe und Codes sind Trigger für Unterstützer_innen wie Gegner; sie werden gepflegt und strategisch eingesetzt, um ein bestimmtes politisches Framing zu erzeugen und spezifische Einstellungen zu legitimieren.

Wer, wie, was?

Was aber genau ist die Alt Right? Wer sind sie? Ist sie organisiert, kann man beitreten? Kann man gegen sie demonstrieren? Zentral ist, dass die Alt Right im Internet geboren wurde und sich bevorzugt dort bewegt, in der Anonymität der Foren und sozialen Medien. Hier kann sie nach ihren eigenen Regeln operieren; hier muss sie keine der ethischen oder handwerklichen Grundlagen befolgen, die im seriösen Journalismus oder in der politischen Sphäre vorausgesetzt werden.

Deswegen, und das ist eine Stärke, ist die Alt Right eine Mischung aus ideologischen Köpfen, die in der Öffentlichkeit stehen, und einer losen Online-Fanszene, die äußerst schwer zu umreißen ist. Effektiv ist diese Szene eine neue Heimat für die extreme Rechte, denn sie akzeptiert Rassisten, Antisemiten, Islamgegner, Sexisten, Frauenfeinde, Verschwörungstheoretiker, Abtreibungsgegner, Konservative, Politikverdrossene, gesellschaftliche Verlierer, Arbeitslose, Immigrationsgegner und Verunsicherte gleichermaßen.

Die erste politische Bewegung im postfaktischen Zeitalter

Jüngst wird diese neue Rechte häufiger in Zusammenhang mit dem gerade beliebten Wort von der „postfaktischen Gesellschaft“ erwähnt (mit der englischen Entsprechung post truth). Paranoia und Vorurteile üben demnach mittlerweile so starken Einfluss auf Meinungsbildung und Entscheidungsfindung aus, dass Fakten beliebig interpretiert und ideologisch eingeordnet werden können. Oder andersherum: Für jedes Weltbild findet sich eine passende News-Meldung, eine Statistik, eine Lesart, zur Not eine Verschwörung.

Die wahre Macht der Gruppe entfaltet sich in der Auseinandersetzung mit dem linksliberalen „Feind“: Die Alt Right ist eine Propagandamaschine, die mit Memes, Bots und kalkulierter Fehlinformation all die Szenen beschallt, von denen etablierte Politiker_innen nicht nur im Klischee häufig wenig Ahnung haben – und Trumps Wahl zeigte nun erstmals, welch eine Wirkung eine solche veritable Bewegung haben kann.

Es geht dabei wohlgemerkt nicht nur um the lulz – also um den puren Spaß an der Zerstörung und Verwirrung -, wie so häufig, wenn die Troll-Armeen von 4chan und Co. involviert sind. Es ist eine ausgewachsene ideologische Auseinandersetzung, die meist im kurzen, beißend sarkastischen Stil von Tweets, Facebook-Kommentaren und Foren-Postings ausgetragen wird.

Jung, weiß, verunsichert

Hauptprotagonisten auf der rechten Seite sind dabei überwiegend jugendliche und junge weiße Männer aus der Mittelklasse, die sich in einem Kulturkampf um Sicherheit, Wohlstand und Integrität in ihren Heimatländern wähnen. Ihr diffuses Selbstbild ist auf ein identitäres, „weißes, anglo-europäisches Erbe“ ausgerichtet, das ultimative Feindbild ist die entmenschlichte, gierige, vergewaltigende, muslimische, schwarz- oder braunhäutige Horde.

In ihrem Selbstverständnis sind die Anhänger der Alt Right jedoch die Überbringer einer unbequemen Wahrheit, entgegen vermeintlichem linksliberalen Wunschdenken: Unter dem Stichwort race realism beispielsweise werden deswegen auf Zuruf Zahlen und Fakten präsentiert, die eine Korrelation zwischen Hautfarbe und einer Neigung zu Kriminalität zu belegen scheinen.

Symptom oder Ursache?

Ist die Alt Right aber ein Symptom oder eine Ursache der postfaktischen Gesellschaft? Sie ist etwas von beidem. Die Frustration ihrer Anhänger ist vielen externen Faktoren zu verdanken: Den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, der NSA-Affäre, der zunehmenden Polarisierung der politischen Auseinandersetzung in den USA und der EU, einer vermeintlich fehlgeleiteten Einwanderungs- und Geflüchtetenpolitik – und zuletzt einer empfundenen Indifferenz, Arroganz und Korruption des politischen und gesellschaftlichen Establishments in all diesen Feldern.

Doch die Eskalation der postfaktischen Zustände trägt ganz eindeutig die Handschrift der Alt Right: Hass-Postings, millionenfach geteilte Falschmeldungen, Zynismus, Verschwörungs-Affinität und der Generalvorwurf der „Lügenpresse“ haben alle dazu beigetragen, dass Meinungen nicht mehr durch Fakten gestützt werden müssen, sondern andersherum haltlose Vorwürfe und Anschuldigungen zur Wahrheitskonstruktion genutzt werden.

Zentrale Begriffe der „Alt Right“ klären

Das Glossar „Alt Right“: Neue Rechte in den sozialen Medien will in den kommenden Wochen in einer dringend nötigen eingehenden Untersuchung zentrale Begriffe dieser neuen Bewegung klären und erläutern. So soll verdeutlicht werden, wie diese Codes, Symbole und Erkennungszeichen in ideologischen Auseinandersetzungen vor allem online operativ verwendet werden.

Dass viele der Begriffe aus der englischen Sprache stammen, sollte dabei nicht verwundern, sie werden auch in deutschsprachigen Auseinandersetzungen verwendet oder haben direkte Entsprechungen: Die Alt Right ist jung, digital und international. Es bleibt zu hoffen, dass diese Reihe dazu beitragen kann, dieses wachsende Phänomen zu entmystifizieren und es als das zu entlarven, was es ist: Das neueste, hippe, postmoderne Gesicht von Rassismus, Nationalismus und Sexismus. 

 

Reihen-Überblick

Weitere bisher veröffentlichte Einträge im Glossar „Alt Right“:

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