Hass gegen „Fatties“ gebannt

Die Social Media-Seite Reddit, auf der täglich Millionen Menschen in thematischen Foren Nachrichten, Memes, Bilder und Texte teilen und bewerten, wurde kürzlich von einem ausgewachsenen Meltdown erschüttert. Im Zentrum stand das Forum „Fat People Hate“, in dem in verletzender Weise Fotos von übergewichtigen und fettleibigen Menschen gepostet wurden.

Ein Bruch von Webseiten-Regeln führte zur Löschung von „Fat People Hate“. Dessen 150.000 aktive User flohen unter lautstarken Vorwürfen von Zensur in Dutzende neue Unterforen, die ebenfalls gelöscht wurden. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Trollen und Administratoren schaukelte sich hoch, das Drama schwappte über zu Youtube und Twitter und beherrschte den Diskurs des Tages.

Auf Reddit können User eigene Foren, so genannte Subreddits, anlegen und diese selbst moderieren. Generell gelten nur wenige Regeln, die von Admins durchgesetzt werden – wie etwa das Verbot der Publizierung persönlicher Daten. Erweiterte Richtlinien können die Moderator/innen der Subreddits selbst festlegen. Diese Offenheit war bislang eine Stärke: User entdeckten die Plattform durch witzige Bildchen und blieben für Diskussionen über Futurologie oder persönliche Fragestunden von Obama und Arnold Schwarzenegger.

In diesem, nach dem spezifisch amerikanischen Gedanken von „free speech“ modellierten System beschränken sich jedoch nicht alle der anonymen User auf Konsens-Themen: Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Antiislamismus existieren auf Reddit neben großen feministischen und links-liberalen Foren und einigen der größten Netz-Communities in Sachen Videospiele und Katzenbilder. Die stark sichtbare Mehrheit aber zeigt sich regelmäßig solidarisch beispielsweise mit den Rechten von LGBT-Menschen und kritisch gegenüber rassistischer Polizeigewalt.

Rasant steigende Userzahlen weichen dieses fragile Konstrukt nun auf. Mit 170 Millionen Besucher/innen pro Monat ist die Seite unter den Top 10 in den USA, noch vor beispielsweise Instagram. Das Reddit-Team versucht jüngst, die „free speech“ gegen das „harassment“ aufzuwiegen, das durch gewaltvolle und hasserfüllte Sprache in Subreddits erzeugt wird. Hiermit bringen sie einen unappetitlichen Mob gegen sich auf, der sich auf die Freiheit von Zensur beruft und dabei Teile des Webs zuspammt.

Die Reddit-Community war in der Vergangenheit bereits ähnlich aufgefallen: So löschten Admins nach Reportagen von CNN 2011 das kontroverse „Jailbait“-Subreddit, in dem anzügliche Bilder minderjähriger Mädchen gepostet wurden. Ebenso wurde mit „Creepshots“, „Niggers“ und „Beating Women“ verfahren. Ein Ort rein zivilisierter Debatte wird Reddit aber auch nach diesem Shitstorm nicht sein: Vorerst aktiv bleiben unter anderem offen rassistische Foren wie „Coontown“ oder sexistische wie „The Red Pill“.

Ich bleibe auf Reddit, denn im Allgemeinen ist es ein progressiver, freundlicher und hochinteressanter Ort im Netz. Die Vereinnahmung durch Rassisten, Sexisten und generelle Arschlöcher ist bedauerlich, ist aber nicht plattform-spezifisch: Wer sich schon einmal Facebook-Kommentare zu einer Meldung über Flüchtlingspolitik durchgelesen hat, weiß, wovon ich spreche.

http://www.reddit.com

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