J.K. Rowling, das Harry Potter-Universum und kulturelle Aneignung

Screenshot von pottermore.com

Screenshot von pottermore.com

Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling überraschte ihre zahlreichen Fans in dieser Woche mit neuem Lesestoff auf ihrem Blog Pottermore. „Magic in North America“ ist eine vierteilige Reihe kurzer Texte, von denen zwei bereits online sind, zwei weitere sollen bis Freitag folgen. Doch das Echo ist nicht einhellig positiv: Rowling wird vorgeworfen, mit den Texten cultural appropriation zu betreiben – eine verfälschende und diskriminierende Aneignung der Kultur indigener Völker Nordamerikas.

Die Untersuchung von cultural appropriation versteht die Praxis als Fortführung eines Kolonialismus auf kultureller Ebene und wird daher der wissenschaftlichen Strömung des Postkolonialismus zugeordnet. Als problematisch gilt vor allem die Aneignung kultureller Praktiken und Symbole einer diskriminierten Minderheit durch die Mehrheitsgesellschaft. Verkürzte und falsche Darstellungen, Reproduktionen kolonialer Narrative und mangelnde Sensibilität führen dabei zu einem Kontrollverlust der Minderheit über ihr eigenes kulturelles Erbe, was wiederum Marginalisierung und andauernde Diskriminierung fördert.

In den USA ist die Diskussion um cultural appropriation bereits im politisch-gesellschaftlichen Mainstream angekommen und hat dazu beigetragen, dass beispielsweise rassistische Praktiken wie Blackface mittlerweile mehrheitlich abgelehnt werden. Auch die Symbolik in Verbindung mit dem mexikanischen Feiertag Día de Muertos ist Gegenstand kultureller Aneignung, was zu kontroversen Diskussionen führt. Streit entzündet sich dabei auch innerhalb von Minderheits-Communities an der Frage, ob die Verwendung von Symbolik unzweifelhaft eine kulturell gewaltvolle Aneignung darstellt oder auch Zeichen einer respektvollen und zu begrüßenden Wertschätzung sein kann. Besonders polarisiert dabei die Aussage, dass eine Aneignung der kompletten gesellschaftlichen Unsichtbarkeit vorgezogen wird.

Meiner Meinung nach muss anerkannt werden, dass cultural appropriation einer Gemeinschaft im Regelfall die unmittelbare Kontrolle und Deutungshoheit über ihre Kultur entzieht. Auch ist eine Aneignung stets nur vorübergehend: Die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft können ihre „Verkleidung“ jederzeit ablegen und damit einer Diskriminierung entgehen. Cultural appropriation reduziert die gesellschaftliche Existenz von Minderheiten somit auf ihre positiven, konfliktlosen Elemente, ohne Rassismus und Unterdrückung zu thematisieren.

Ein viel zitiertes Beispiel für kulturelle Aneignung sind „die Indianer“. Abgesehen davon, dass schon dieser Oberbegriff eine ethnische, kulturelle oder politische Einheit impliziert, die nie bestand, wird das gesellschaftliche Bild von „dem Indianer“ bis heute überwiegend von Feder-Stirnband sowie Pfeil und Bogen bestimmt. In den letzten Jahrzehnten wurde dieses ergänzt durch den zynischen Stereotyp des von Casino-Geld lebenden Alkoholikers – dessen reale Ursprünge ironischerweise in der rassistischen Verdrängung der Menschen aus ihren ursprünglichen Lebensumständen liegen.

J.K. Rowlings Verfehlung, so die Wissenschaftlerin Adrienne Keene in ihrem Blog nativeappropriations.com, liegt vor allem darin, reale Spiritualität, Symbolik und Kultur amerikanischer Ureinwohner als fiktiv zu zeichnen bzw. umzudeuten. Besonders an der Verwendung des Begriffs skin walker – Menschen mit der Fähigkeit, sich in Tiere zu verwandeln – nimmt sie Anstoß: „[…] skin walker stories have context, roots, and reality. […] You can’t just claim and take a living tradition of a marginalised people. That’s straight up colonialism/appropriation.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.