Kunst, Literatur, Rassismus: Die „N-Wort“-Debatte ist zurück

Denis Schecks berüchtigter Blackface-Auftritt 2013 (Screenshot aus der ARD-Mediathek)

Denis Schecks berüchtigter Blackface-Auftritt („Druckfrisch“-Sendung vom 27.1.2013, Screenshot aus der ARD-Mediathek)

Es gibt eine neue Debatte um das „N-Wort“: Das dänische Staatliche Museum für Kunst in Kopenhagen entfernt nach einer internen Überprüfung dreizehn Nennungen von „Neger“ und eine des Worts „Hottentotten“ aus Beschreibungen und Titeln ihrer Kunstwerke. Bei letzteren handelt es sich nicht um Originaltitel, sondern um namenlose Werke, die von Kunsthistoriker_innen betitelt wurden. Kritik an dem Vorhaben lässt nicht auf sich warten: Geschichte würde entfernt und Vergangenheit vergessen, so einige Stimmen.

Das Ganze weckt böse Erinnerungen an eine ähnliche Diskussion, die vor rund drei Jahren in Deutschland geführt wurde. Damals ging es um das Entfernen des Wortes aus Kinderbüchern, unter anderem „Pippi Langstrumpf“. Öffentlichkeit und Medien diskutierten relativ zivil über diese Sachlage – bis Denis Scheck, Moderator des ARD-Literaturmagazins „Druckfrisch“, auf die Bühne trat.

Scheck gab dabei nicht einfach nur seine Meinung wieder und schimpfte auf eine „übergriffige politische Korrektheit“. Er tat dies in „Blackface“, eine dem US-Varietétheater  entstammende Verkleidung vom weißen zum schwarzen Menschen. Die Praxis wird in den USA seit Jahrzehnten als rassistisch kritisiert. Auch in Deutschland und Europa steigt die Sensibilität für die Problematik dieser Art von kultureller Aneignung, wie bspw. die Debatten um die holländische Folklore-Figur „Zwarte Piet“ zeigen.

Gegner_innen solcher literarischer Anpassungen und von Blackface-Ächtung entwickeln in diesen Situationen mitunter einen Hang zur hysterischen Übertreibung, die sie gerade der anderen Seite vorwerfen: Jede Veränderung sei Zensur, Verleugnung der Geschichte und letztlich selbst rassistisch, da der gesellschaftliche Fortschritt unsichtbar gemacht werde.

Doch das Gegenteil ist der Fall: Wir als Gesellschaft würden Rassismus verharmlosen, wenn wir so agieren würden, als ob jede Nennung der Worte in jedem Kontext nebensächlich sei. Die Message an Minderheiten wäre: „Nicht mein Problem, komm damit klar.“

Es ist schließlich nicht so, als ob in „1984“-Manier eine Tilgung  des Begriffs aus allen Archiven gefordert wird. Es geht um eine sprachliche Anpassung von Werken und Texten, die aktuell noch rezipiert und gelesen werden. Es geht darum, dass in frei verkäuflichen Werken und öffentlich sichtbaren Texten ein Wort vermieden wird, das in seinem Kern rassistisch ist und für die längste Zeit seiner Nutzung zur Konstruktion einer anderen, minderwertigen „Rasse“ Mensch diente.

Es geht nicht darum, die Geschichte des Wortes „Neger“ unsichtbar zu machen oder Sklaverei und die Unterdrückung von Schwarzen zu verleugnen. Denn die betroffenen Werke und Texte sind ja keine im engeren Sinne rassistischen; in ihnen ist das Wort deskriptiv, nicht wertend verwendet. Diese Nutzung ist schlicht überholt und mittlerweile irreführend. Überlassen wir das Wort jenen Menschen, die sich durch seine Nutzung entlarven.

In letzter Konsequenz ist die Debatte und auch dieser Text ein Beispiel dafür, dass der postkoloniale Diskurs in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt: Es wird ungelenk und emotional über nicht-weiße Menschen gesprochen, und es wird darüber gesprochen, wie über sie gesprochen wird – aber es wird immer noch kaum mit ihnen gesprochen.

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