LaGeSo und Lisa – Zwei Fälle, zwei Wahrheiten

In Berlin gab es in der vergangenen Woche zwei gute Nachrichten: Kein Geflüchteter ist gestorben, nachdem bzw. weil er tagelang in der Kälte vor dem LaGeSo anstehen musste; und ein 13-jähriges Mädchen namens Lisa wurde nicht 30 Stunden lang festgehalten und vergewaltigt. Zwei Nicht-Ereignisse, die Öffentlichkeit und die Medien polarisiert haben: Bittere Anschuldigungen, sobald die (Falsch-)Meldungen umhergingen – und Sprachlosigkeit, nachdem die tatsächlichen Umstände bekannt wurden.

Ihr Ablauf sagt viel aus über die Gesellschaft, die solche Behauptungen ermöglicht: Ein Mann stellt dar, wie einer der tausenden Wartenden vom LaGeSo durch die bekannten katastrophalen Umstände auf dem Gelände angeblich so erkrankt, dass er letztendlich stirbt; und ein junges Mädchen versucht, einer unangenehmen Situation zu entgehen durch die Ausflucht, sie wäre von „Migranten“ misshandelt worden. Beide Nachrichten wurden von Millionen Menschen in kürzester Zeit als Fakt akzeptiert.

Für viele Ehrenamtliche und Aktivist_innen ist das, was am LaGeSo seit über einem halben Jahr vor sich geht, ein massenhafter Fall von unterlassener Hilfeleistung. Auch deswegen erwähnte der Facebook-Post, durch den der vermeintliche Todesfall bekannt wurde, die Fehlgeburten auf dem Gelände und den Fall des entführten Jungen: Um den Fall einzuordnen in das „System LaGeSo“, das nach Ansicht vieler immer noch so langsam und fehlerhaft funktioniert, dass Gesundheitsrisiken für wartende Menschen nicht auszuschließen sind. Deswegen die rasende Verbreitung und das Medieninteresse: Die Meldung war nicht unplausibel.

Lediglich spekulieren kann man über die psychischen Ursachen der Handlungen. Dirk V. galt bei Moabit Hilft als zuverlässig – auch nachdem er stundenlang nicht erreichbar war. Erst sein eigenes Dementi beendete die umfangreichen Nachforschungen zu dem Fall. Nervenzusammenbruch durch psychische Überlastung, Narzissmus, naive Einschätzung der Reichweite seiner Behauptungen – mögliche Erklärungen für sein Verhalten.

Lisa dagegen wählte wohl aus Naivität eine Ausflucht, deren Konsequenzen sie nicht überblickte und deren politische Implikationen sie nicht vorhersehen konnte. Dazu benutzte sie, was im gesellschaftlichen Diskurs verfügbar war: Ein Präzedenzfall (Köln), ein Schreckensbild (Nordafrikaner) und eine Stimmungslage (flüchtlingskritisch bis -feindlich). Das kann und muss den Brandstiftern bei AfD, Pegida, NPD und auch CSU angelastet werden – nicht einem 13-jährigen Mädchen.

Besondere Brisanz erhielt der Fall durch die diplomatischen Verstimmungen mit Russland, die er auslöste. Russische Stimmen bis hoch zum Außenminister Sergei Lawrow bezichtigten deutsche Behörden, den Fall auf politische Anweisung hin nicht zu thematisieren, um die Flüchtlingsdebatte nicht anzuheizen. Die aufgebrachte russischstämmige Community in Deutschland stützte ihre Wahrnehmung daraufhin auf russische Sender und Zeitungen. In den sozialen Medien schaukelte sich die Stimmung hoch, bei Demonstrationen kam es zu unschönen Schulterschlüssen zwischen „besorgten Bürgern“ und harten Rechtsextremen – eine Entwicklung, die manche heute bedauern dürften.

Die Polarisierung des „russland-deutschen“ Milieus ist auch indikativ für dessen gesellschaftliche Verortung und Selbsteinschätzung. Ein Artikel in der Berliner Zeitung beschreibt einen Besuch in einem der russischstämmigen Ballungszentren Berlins; demnach sei seit der Krim-Krise ein „Riss“ in der Community erkennbar. Bis dahin politisch nicht wahrnehmbare Menschen seien mehr und mehr unkritisch dem russischen Staat und seinen medialen Organen gegenüber. Über 20 Jahre leben die meisten bereits in Deutschland, manche sind frustriert über den Stand der Integration und Ressentiments gegenüber Russischstämmigen.

Vielerorts wird nun konstatiert, Dirk V. habe der Flüchtlingshilfe geschadet und die Akzeptanz freiwilliger Arbeit unterminiert. Doch der Fall ist so eindeutig ein Hirngespinst und eben keine perfide Fabrikation, dass sich der Schaden wohl in Grenzen hält. Nur Unverbesserliche werden Dirk V.‘s falsche Behauptung als Beweis einer ungerechtfertigten Kritik an Politik und Behörden sehen – so wie zum Glück auch wohl niemand auf die Idee käme, Lisa eine rassistische Agenda zu unterstellen. Das wäre leider auch zu einfach: Der gesellschaftliche Rassismus, der ihre Aussagen ermöglicht, erzeugt und legitimiert hat, ist das deutlich schwerwiegendere Problem.

RelatedPost

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.