Mario Bros. für Atari: Relikte aus einer anderen Zeit

Ein Ausschnitt aus einer Zeitschriftenwerbung für Mario Bros. auf Atari-Konsolen, 1983

Ein Ausschnitt aus einer Zeitschriftenwerbung für Mario Bros. auf Atari-Konsolen, 1983

Vor rund zwei Jahren überraschte mich meine Schwester mit einem seltsamen Geschenk: Ein alter Spiderman-Comic aus den USA. Nett gemeint, aber ich war nie ein großer Fan von Superhelden. Als ich die erste Seite aufschlug, sah ich, was sie gesehen hatte. Ein kleines, kurioses Relikt aus einer anderen Zeit, das von Aufstieg und Fall, von Umbruch und Revolution erzählt: Eine Werbung für Nintendos Mario Bros. auf Atari-Konsolen.

1982 war die Videospiel-Welt in den USA noch in Ordnung: Atari beherrschte den Markt und verkaufte Millionen von ihren 2600-Konsolen. Nintendo of America hatte ein Jahr zuvor mit Donkey Kong einen Arcade-Superhit abgeliefert und fuhr ebenfalls große Profite ein. Alle waren glücklich.

E.T. und der Crash von ’83

Doch dann kam E.T. – Der Außerirdische. Steven Spielberg, der Erfinder und König der Sommer-Blockbusters, brachte ein bezauberndes modernes Märchen in die Kinos, das die USA im Sturm eroberte. E.T. war nicht nur ein filmisches Meisterwerk, sondern auch eine Marketing-Maschine: Die Lizenz zur Herstellung von E.T.-Spielzeug oder Merchandise war eine Lizenz zum Gelddrucken.

Klar, dass Atari davon ein Stück abhaben wollte. Der Rest ist mittlerweile weit bekannte Videospiel-Geschichte: Der Programmierer Howard Scott Warshaw lieferte nach nur fünf Wochen Entwicklungszeit ein höchst mittelmäßiges Spiel für das Weihnachtsgeschäft ab, das heute als Sargnagel für eine übersättigte und profitgierige Industrie gilt. Die Branche in den USA crashte Anfang 1983, Wirtschaft und Verbraucher verloren alles Interesse an Videospielen.

Mario emanzipiert sich

In Japan bekam man von alledem fast nichts mit. Nintendo veröffentlichte noch 1983 den Family Computer (Famicom), der wenige Jahre später, als Nintendo Entertainment System rebrandet, die Welt erobern sollte. Auch die US-Arcade-Branche war nicht so stark getroffen von dem Crash wie die Heim-Industrie. Shigeru Miyamoto, Nintendos Top-Kreativer und wohl der einflussreichste Spiele-Designer aller Zeiten, hatte schon wieder einen Videospiel-Automaten fertig. Die Spielfigur aus Donkey Kong war wieder da, und diesmal trug der Titel auch seinen Namen: Mario Bros. 

Trotz des Crashs konnte mit Portierungen von beliebten Automaten immer noch ein paar Dollar verdient werden, und trotz des Crashs war Atari der erste Ansprechpartner; schließlich standen in Amerikas Wohnzimmern noch immer über 20 Millionen Atari-Konsolen herum. Bis Nintendo sich sicher genug fühlte, das NES in den USA zu veröffentlichen, sollten noch zwei Jahre vergehen. So kam es zu einer Allianz, wie sie auch schon bei Donkey Kong erfolgreich war, und Heim-Versionen von Mario Bros. erschienen unter anderem für die Atari 2600 und 5200-Konsolen.

Zeitschriften-Werbung für Mario Bros. auf Atari-Konsolen, 1983

Zeitschriftenwerbung für Mario Bros. auf Atari-Konsolen, 1983

Mario ist Nintendo und Nintendo ist Mario

Heute ist Mario ohne Zweifel die bekannteste Videospielfigur der Welt. Mario-Titel haben die Branche quasi im Alleingang immer wieder kreativ revolutioniert und verkaufen sich bis heute hundertmillionenfach. Erst vor wenigen Monaten hat Nintendo die Branche überrascht mit dem Erfolg von Mario Maker – ein klassischer 2D-Sidescroller mit umfangreichem Level-Editor und einer großen, enthusiastischen Fanszene.

Für die Generationen, die mit dem NES und seinen Nachfolgern aufgewachsen sind, ist es deswegen undenkbar, dass Mario jemals auf Konkurrenz-Konsolen erscheinen könnte: Das macht diese unscheinbare Comic-Seite zu einem so sprechenden Stück Geschichte aus einer aufwühlenden Zeit für die globale Videospielindustrie.

PS: Der Vollständigkeit halber soll hier erwähnt werden, dass es einige wenige Ausnahmen von der Regel gibt, bei denen Nintendo Mario lizensiert hat: Super Mario Bros. Special für NEC- und Sharp-Computer waren jedoch auf Japan beschränkt – und über Hotel Mario redet man nicht.

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