Negative CO2-Bilanz, Happiness-Index und Degrowth: Vorbild Bhutan?

Thimpu, die Hauptstadt von Bhutan (Foto: Wikipedia-User Christopher Fynn)

Thimpu, die Hauptstadt von Bhutan (Foto: Wikipedia-User Christopher Fynn)

Kohlenstoffdioxid, auch bekannt als CO2, ist in aller Munde, wenn es um Klima und Umwelt geht. Autos, Flugzeuge und Industrie stoßen das Treibhausgas aus, das den Klimawandel voran treibt. Bei internationalen Klimaschutzbemühungen, wie zuletzt bei der Pariser UN-Klimakonferenz, geht es deswegen zentral um die Reduktion von CO2-Emissionen. Taugt ein kleines Land im Himalaya hier der Welt zum Vorbild? Jedenfalls scheint Bhutan das einzige Land der Welt zu sein, das eine negative CO2-Bilanz hat, also weniger von dem Gas produziert, als seine Fauna absorbiert.

Genauer betrachtet ist Bhutan durchaus als Sonderfall zu bezeichnen. 740.000 Einwohner, wenig Industrie, ausgedehnte Waldgebiete, weniger als ein Zehntel der Bevölkerungsdichte von Deutschland – da ist eine gute CO2-Bilanz vielleicht nicht überraschend.

Doch auch ein zweiter Blick ist aufschlussreich. Umweltschutz ist fest in der Verfassung verankert und tendenziell der Wirtschaft untergeordnet. Bhutan wird als eines der wenigen Länder genannt, deren Wirtschaftsmodell nicht primär wachstumsorientiert sei. Weltweite Schlagzeilen macht die konstitutionelle Monarchie mit dem Konzept des Bruttonationalglücks (gross national happiness) – eine alternative Methode zum Bruttoinlandsprodukt, die Lebensqualität zu messen. Dem 2015er Index zufolge sind über 90% der Bhutaner_innen mehr oder weniger glücklich. Unterstützung finden diese Ziele in der internationalen Degrowth-Bewegung, die das Primat des Wirtschaftswachstums kritisiert.

Doch das von etlichen Blogs und Artikeln propagierte positive Bild hat auch Risse. 2007 lebten noch rund ein Viertel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Erst 2008 hielt mit den ersten freien Wahlen die parlamentarische Demokratie in Bhutan Einzug. Eine Publikation im Rahmen der 2014er Leipziger Degrowth-Konferenz mit dem Titel Bhutan: Between Happiness and Horror untersuchte Menschenrechtsverletzungen in dem Land. Auch die unrechtmäßige Verfolgung und Vertreibung der nepalesisch-stämmigen Lhotshampa wird international kritisiert.

Insofern ist die Frage, ob Bhutan ein Vorbild sein kann, mehrschichtig. Ein wachstums-entschleunigtes Wirtschaftssystem ist mit Sicherheit wünschenswert – ob dies in einem Industrie- oder Schwellenland praktikabel sein kann, bleibt zu sehen. Eine negative CO2-Bilanz nach Vorbild Bhutans ist für wirtschaftlich weit entwickelte Länder und Regionen bis auf weiteres unrealistisch – hier muss eher auf erneuerbare Energien und Effizienz gesetzt werden. Klar ist aber auch: Eine unreflektiert positive Berichterstattung über ein Land, das gewaltvoll ethnische und kulturelle Homogenität verfolgt, ist klar abzulehnen.

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