Nintendo: Die Nostalgie-Maschine in voller Fahrt

Das Nintendo Classic Mini NES (Screenshot von nintendo.de)

Das Nintendo Classic Mini NES (Screenshot von nintendo.de)

Die letzten drei, vier Jahre waren nicht einfach für den Videospielgiganten Nintendo. Hinter dem Unternehmen lag die Ära der Wii, die mit über 100 Millionen Einheiten bisher meistverkaufte Nintendo-Konsole. Mit Sport- und Fitnessspielen schufen die japanischen Entwickler eine ganz neue Zielgruppe, während Fortführungen der Megaseller-Reihen Mario und Zelda die langjährigen Fans begeisterten. Das innovative und mutige Konzept der Wii hatte sich ausgezahlt, Sony und Microsoft zogen mit eigenen motion control-Produkten nach.

Doch als Nintendo 2012 die Nachfolgerin der Wii präsentierte, waren die Reaktionen verhalten: Zu ähnlich klang der Name der Wii U, zu gewöhnungsbedürftig war der Gamepad/Bildschirm-Hybrid-Controller, zu dünn war auch die Spieleauswahl. Hits wie Splatoon oder Mario Maker kamen erst spät heraus und waren sprichwörtlich too little, too late. Mittlerweile gilt die Wii U in der Branche und bei Fans gleichermaßen als Flop.

Wie geht man mit so einem Fehlschlag um? Nintendo scheint zwei Strategien zu verfolgen: Erstens kommt die neue Konsole NX bereits im Frühjahr 2017 heraus, zeitgleich mit dem neuen Zelda-Titel „Breath of the Wild“. Das ist ein doppelter Todesstoß für die Wii U, die erst seit vier Jahren auf dem Markt ist – die übliche Konsolen-Lebensspanne ist deutlich länger – und damit als bisher einzige Nintendo-Konsole überhaupt keinen komplett eigenen Zelda-Titel erhält. So will Nintendo offensichtlich Schadensbegrenzung betreiben und schnellstmöglich in die neue Hardware-Generation starten.

Zweitens melkt Nintendo zur Zeit die Nostalgie-Maschine, wo und wie es geht. Bereits vor über zehn Jahren merkte man in Kyoto, dass die Wiederveröffentlichungen von NES-Klassikern auf dem Gameboy Advance ein gutes Geschäft waren. Die logische Konsequenz war die Virtual Console auf der Wii, die nicht nur Klassiker von Nintendo einfach spielbar machte, sondern auch vom Sega Mega Drive, dem Neo Geo von SNK und einigen anderen Retro-Schätzen.

Im kommenden Weihnachtsgeschäft 2016 wagt Nintendo sich jetzt an ein heikles Geschäft: Neu aufgelegte Retro-Konsolen. Das „Nintendo Classic Mini NES“ soll im November auf den Markt kommen und in Deutschland rund 70 Euro kosten. Es sieht dem klassischen Nintendo Entertainment System (NES) sehr ähnlich, ist allerdings kleiner und wird per HDMI mit modernen Fernsehern verbunden. Der mitgelieferte Controller kann auch an einer Wii U oder Wii betrieben werden. 30 NES-Spiele sind eingebaut und nach bisherigem Erkenntnisstand kann diese Zahl nicht erweitert werden, da weder ein Slot für Speicherkarten noch eine Internet-Verbindung vorgesehen sind.

Obwohl andere Hersteller mit ähnlichen Produkten nur mäßigen Erfolg haben – Atari mit VCS 2600-Joysticks, Sega mit Mega-Drive-Handhelds oder zuletzt SNK mit dem enttäuschenden Neo Geo X – verspricht das Classic Mini NES ein voller Erfolg zu werden. Vorbestellungen der Konsole stürmen bereits jetzt die Gaming-Verkaufscharts bei Amazon.

Die echte Überraschung ist allerdings der unglaubliche Hype um Pokemon Go. Erst seit zwei Wochen ist das augmented reality-Spiel für Smartphones erhältlich und bricht bereits jetzt alle Rekorde. Obwohl Nintendo das Spiel  nicht entwickelt oder veröffentlicht hat (für beides ist das US-Unternehmen Niantic verantwortlich), hat es dem Börsenkurs und dem Marktwert von Nintendo den größten Boost seit 1983 verliehen – dem Jahr, in dem das originale NES in Japan erschien.

So hat ein unscheinbares Mobile Game den Wert der ohnehin unschätzbaren intellectual property Pokemon noch immens gesteigert. Nintendo wird daraus lernen und weiterhin voll auf Nostalgie, Retro und Sequels setzen. Ob das gut oder schlecht ist, oder vielleicht auf Kosten von Innovation geschieht, ist eine andere Frage.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.