Retropie: Das 35-Euro-Emulationswunder für Retro-Konsolen

Die Wunderkiste: Ein Raspberry Pi Mini-Computer (Foto: Robert Ott)

Die Wunderkiste: Ein Raspberry Pi Mini-Computer (Foto: Robert Ott)

Als Freund von Retro-Videospielen – besonders der golden era von 16-Bit und 90er Jahre – habe ich eine kleine Sammlung von Konsolen und Spielen zuhause. NES, Mega Drive, SNES, N64 und auch ein paar Exoten wie das Neo Geo stehen herum und werden hin und wieder mit Freude gespielt.

Doch keine Sammlung kann wirklich vollständig sein, vor allem aus finanziellen Gründen. Um all die Perlen, Obskuritäten und sündhaft teuren Spiele, die es im Games-Universum gibt, trotzdem zu erfahren, kann man auf Emulation zurückgreifen. Ich mochte das nie so richtig: Irgendwo passierte ein emotionaler disconnect, wenn ich erst ein Programm in Windows öffnen und ein ROM aus einer Liste auswählen musste.

Doch es gibt eine deutlich elegantere Lösung, die ich jetzt das erste Mal ausprobieren konnte: Ein Retropie. Hinter dem knuffigen Namen verbirgt sich eine Linux-Version, genauer gesagt eine Distribution von Raspbian, was wiederum eine spezielle Debian-Variante für den Raspberry Pi-Mini-Computer ist. Daneben enthält das Retropie-Paket vor allem noch die Programme Retroarch, das verschiedene Emulatoren unter einer gemeinsamen Struktur vereint, und Emulation Station, das dem Ganzen eine ansprechende grafische Oberfläche verleiht.

Der originale Raspberry Pi hatte vor Jahren Furore gemacht als nur 30 Dollar teurer Ein-Chip-Computer – und auch die aktuellste Version, der Pi 3, ist in Deutschland für unter 40 Euro zu haben. Für dieses Geld gibt’s auf einer kleinen Platine schon einige Computing-Power mit Quad Core 64 Bit-CPU und einem GB RAM. Verbindung zu Bildschirm und Geräten wird via HDMI-Port und 4 USB-Schnittstellen erreicht. Eine „Festplatte“ hat ein Pi nicht – stattdessen sind das Betriebssystem und alle Anwendungen und Daten auf einer SD-Karte untergebracht

Das Setup meines geliehenen Retropies war daher denkbar einfach, weil die SD-Karte bereits fertig eingerichtet und gefüllt war. Strom an den Raspberry Pi (per Mikro-USB, dem von Android-Smartphones bekannten Standard), per HDMI in den Fernseher und einen USB-Controller angeschlossen – fertig!

Das Setup: Pi, USB-Controller, HDMI-TV

Das Setup: Raspberry Pi, USB-Controller, HDMI-Fernseher (Foto: Robert Ott)

Sehr positiv überrascht war ich davon, wie zielsicher das System Controller erkennt: Sowohl ein älteres Microsoft Sidewinder-USB-Pad wurde direkt identifiziert, als auch ein Sony PS3-Controller – der sich an einem Windows-PC trotz USB-Schnittstelle nicht ohne Zusatzprogramm und Aufwand plug’n’play nutzen lässt.

Die „neuesten“ Konsolen, die hier emuliert werden können, sind übrigens N64 und Playstation 1. Auf dem mir vorliegenden Retropie, in dem ein Raspberry Pi 2 verbaut ist, läuft die N64-Emulation teilweise nur stockend. Glaubt man manchen Stimmen im Internet, hat sich das mit dem aktuellen, leistungsstärkeren Raspberry Pi 3 allerdings gebessert.

Ein Mini-Wermutstropfen bleibt leider trotzdem: So gut wie alle alten Spiele, darunter echte Schätze für die Spielhalle, die wir in Deutschland nie zu sehen bekamen (unter 18 Jahren ohnehin nicht) laufen nativ auf dem Bildschirm-Seitenverhältnis 4:3. Heutige Flachbildfernseher verwenden jedoch fast ausschließlich das mittlerweile übliche 16:9-Format.

Deswegen versuchte ich, eine weitere Schnittstelle des Pi auszunutzen: Ein spezieller Mini-Klinkenport, der analogen Sound und ein analoges Composite-Bildsignal auf Cinch-Stecker ausgibt. Leider konnte ich versuchen, was ich wollte: Ich bekam das Retropie-Signal nicht auf meinen schönen, alten, großen Röhrenfernseher geworfen.

Insgesamt muss ich aber sagen, dass ich vom Retropie völlig überzeugt wurde: Die ansprechende grafische Oberfläche, die tadellos funktionierende Technik und die haptisch angenehme Handlichkeit des Pi machen die kleine Kiste zu einem echten Emulationswunder für Retro-Konsolen. Meinen geliehenen Pi werde ich bald zurückgeben müssen – doch lange wird es wohl nicht dauern, bis ich mir selbst einen der 35-Euro-Computer zulege.

Ein Disclaimer zum Schluss: Das Herunterladen, Installieren und Verwenden der Retropie-Distribution von retropie.org.uk ist völlig legal. Das ändert jedoch nichts daran, dass das Herunterladen von urheberrechtlich geschützten Spiele-ROMs nicht legal ist. Ebenso verhält es sich mit einigen urheberrechtlich geschützten BIOS-Dateien, die zum Betreiben von manchen Emulatoren nötig sind (z.B. für die Emulation des Neo Geo).

Insofern hier noch einmal der Hinweis: Der einzige Umstand, in dem das (Ab)Spielen eines ROMS via Emulator völlig legal ist, besteht dann, wenn die betreffende Person das Spiel physisch besitzt und die Daten selbst via ROM-Reader „gedumpt“, also auf einen zweiten Datenträger übertragen hat. Das Herunterladen ist dagegen nach gültiger Rechtssprechung wohl immer illegal – selbst wenn die Person das betreffende Spiel physisch besitzt.

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