Sega und Brasilien: Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Ein Sega Mega Drive (Foto: Bill Bertram/Pixel8, Lizenz: CC BY_SA 3.0)

Ein Sega Mega Drive (Foto: Bill Bertram/Pixel8, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Die Nachricht ist skurril genug, dass sie sogar in deutschen Medien Erwähnung fand: Das Sega Mega Drive, im kollektiven popkulturellen Bewusstsein immer ein unglücklicher Zweiter zum Super Nintendo, wird neu aufgelegt – und zwar in Brasilien. Die neue Konsole soll einen SD-Karten-Slot enthalten für ROMs von Spielen, aber auch die alten Module aufnehmen können.

Nichts besonderes, ein Retro-cash in ähnlich dem Nintendo Classic Mini (das übrigens ab morgen erhältlich ist)? Von wegen: Was in den kurzen Meldungen zum Mega Drive-Reissue auf der Strecke bleibt, ist die ganz besondere Beziehung von Brasilien und Sega, eine kulturelle und ökonomische Anomalie in der Videospielwelt.

Eine Heimat für das Master System

Skurriler noch ist beispielsweise der Umstand, dass das Sega Master System in Brasilien wesentlich beliebter ist und in mehreren Versionen neu aufgelegt wurde – zuletzt 2008. Segas 8 Bit-Konsole stand außerhalb Brasiliens noch viel deutlicher im Schatten des NES, als das bei SNES und Mega Drive der Fall war. Auch in Retro-Sicht besitzt die Konsole wenig Signifikanz: Der relativ einsame Höhepunkt der Spielbibliothek ist Phantasy Star von 1987, ein wegweisendes Rollenspiel mit einer der ersten weiblichen Videospiel-Protagonistinnen (ein Jahr nach Metroid 1 und Samus Aran).

Warum also Brasilien, und warum Sega? Warum begeisterten und begeistern sich junge und ältere Brasilianer_innen nicht mehrheitlich für Mario, Zelda und Nintendos zeitlose Hits, die, in the grand scheme of things, besser sind? Die Antwort: Tectoy, ein Unternehmen, das sich 1987 gründete und bald offizieller Brasilien-Partner von Sega wurde.

Der brasilianische Sonderweg

Zu einer Zeit, in der Videospielsysteme in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern teuer importiert wurden und damit für die breite Masse unerschwinglich waren, hatte Tectoy als brasilianisches Unternehmen einen Finger am Puls ihrer Zielgruppe – und konnte bessere Bedingungen aushandeln als kleine Importeure, die beispielsweise das NES verkauften. Eine offizielle Vertretung von Nintendo sollte Brasilien erst 1993 erhalten – bis dahin hatte Tectoy mit Sega-Produkten den brasilianischen Markt fest in der Hand.

Und der ist nicht zu verachten. Mit einer Bevölkerung von etwa 150 Millionen Menschen um 1990 (heute: rund 200 Millionen) und einer wachsenden Mittelschicht ist Brasilien seit Jahrzehnten eines der Boom-Schwellenländer überhaupt. Einige Jahre lang machte Tectoy sehr gute Geschäfte. Die Sega-Konsolen Saturn und Dreamcast – Flops in Brasilien wie anderswo – ließen die fetten Jahre jedoch vorzeitig enden.

Nostalgia sells

So besann sich Tectoy schließlich auf ein lohnendes Geschäft: Nostalgie. Die seltsame Anziehungskraft der 8 und 16 Bit-Ära ist auf der ganzen Welt zu spüren, auch in Brasilien, was dazu führt, dass sich die Sega-Neuauflagen, vor allem des Master Systems, weiterhin blendend verkaufen. Insofern trifft es der Artikel von Atlas Obscura auf den Punkt: Brasilien ist wie ein alternatives Videospiel-Universum, in dem der legendäre console war zu Segas Gunsten ausging – nicht mit einem vernichtenden Sieg von Nintendo wie im Rest der Welt.

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