Spiel mit der Erwartungshaltung: Soziales Experiment um Koran und Bibel auf Youtube

In den Niederlanden floriert die Praxis der „Islamkritik“. Der Politiker Geert Wilders, der mit seiner Partij voor de Frijheid Erfolge feierte und Nachahmer auch in Deutschland fand; der Regisseur Theo van Gogh, der Muslime gerne mal „Ziegenficker“ nannte und 2004 von einem Islamisten ermordet wurde; oder Aayan Hirsi Ali, in Somalia geboren, die sich für Frauen- und Kinderrechte einsetzt – und in ihrer Dankesrede für den Axel Springer-Ehrenpreis 2012 den Oslo-Attentäter Anders Breivik scheinbar wohlwollend zitierte.

Die Niederlande haben also, was Kritik am Islam – mit Ausflügen in Islamophobie und Rassismus – angeht, durchaus einen Ruf zu verlieren. Das machten sich die niederländischen Youtuber vom Kanal „Dit is normaal“ zu Nutze, als sie in einer holländischen Fußgängerzone mit einer Kamera Passanten ansprachen und ihnen vermeintlich Verse aus dem Koran vorlasen.

Gebote der Unterwürfigkeit für Frauen, Handabhacken bei Fehlverhalten, Todesandrohung für Homosexualität gebieten die Verse. Entsprechend fallen die Reaktionen aus: Geschockt, abgestoßen, aber nicht immer überrascht. Manche der Interviewten sehen die drakonischen Weisungen anscheinend als durchaus Islam-typisch an. Nach einem Vergleich mit der christlichen Bibel gefragt, ist der Tenor, dass deren Ton „positiver“ und friedlicher, weniger aggressiv sei. Umso größer ist die Überraschung, als enthüllt wird, dass keinesfalls der Koran, sondern vielmehr tatsächlich die Bibel zitiert wurde.

Das Video kann und wird selbstverständlich auch von notorischen Islamophoben als Aussage zu ihren Gunsten gedreht werden. Bisher las ich beispielsweise bereits das „Argument“, dass Bibelverse, abgesehen von den zehn Geboten, keinerlei Weisungskraft für Christen hätten. Der Koran in seiner Gesamtheit sei dagegen für alle Muslime weltweit bindend, Sharia bald überall, yadda yadda yadda.

Die Grundannahme dieser „kritischen“ Haltung ist stets dieselbe: Es gebe keinen aufgeklärten, keinen säkularen Islam. Hier wird natürlich mit zweierlei Maß gemessen. Stattdessen müssen alle Texte, auch religiöse, historisch-kritisch gelesen werden, also im Kontext von Entstehungszeit und -umständen, und es muss anerkannt werden, was sich hieraus entwickelte: Religionen mit orthodoxen, säkularen, reformierten, liberalen, fundamentalistischen etc. Zweigen und teilweise grundverschiedenen Schriftauslegungen. Den Islam spezifisch und generell als einer säkularen, demokratischen, freiheitlichen und menschengerechten Praxis unfähig zu benennen, ist nicht nur historisch falsch, es gibt Realität verkürzt wieder und ist in keinem der derzeitig vielen Diskurse um Religion hilfreich.

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