Wie das N64 die Videospielwelt revolutionierte

Die Dreifaltigkeit: Super Mario 64, Goldeneye 007 und Zelda: Ocarina of Time (Foto: Robert Ott)

Die Dreifaltigkeit: Super Mario 64, Goldeneye 007 und Zelda: Ocarina of Time (Foto: Robert Ott)

Die 90er waren in Sachen Videospiele eine magische Zeit: Sie begannen (zumindest außerhalb Japans) mit den letzen Zügen des Nintendo Entertainment System und Super Mario Bros. 3 – für viele noch immer das beste 2D-Jump’n’Run aller Zeiten – und endeten mit der Konsole Dreamcast und dem unbekanntesten besten Spiel aller Zeiten, Shenmue. Segas unglückliche Bemühungen eröffneten Blicke in das neue Jahrtausend und die Zukunft der Gaming-Branche: Realismus, Open World, Internet-Multiplayer.

Als Videospiele die dritte Dimension lernten

In diesen kurzen zehn Jahren hatte 16-Bit-Gaming seine Blüte und seinen Herbst, und 3D-Spiele wandelten sich von hakelig steuerbaren, grobschlachtigen Frechheiten zu dem, was sie heute sind: Abenteuer in immersiven, realistischen oder fantastischen Welten. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hatte das Nintendo N64 – eine Konsole, die kein technisches Wunderwerk war und mit 33 Millionen Einheiten auch nicht zu den all-time Topsellern gehört. Dafür hatte das N64 etwas anderes: Drei Spiele, die die Videospielwelt für immer verändern sollten.

Bei Bekanntwerden der ersten Details zum N64, damals noch unter dem Namen Ultra 64, kam Verwunderung auf: Anders als beim schärfsten Konkurrenten, Sonys Playstation, zeigte Nintendo der noch neuen CD-ROM-Technologie die kalte Schulter. Stattdessen waren die Spiele weiterhin auf Modulen gespeichert, die eine Kapazität zwischen 4 und 64 Megabyte hatten. Die Hauptmotivation lag wohl darin, dass CDs stets mit unschönen Ladezeiten einhergingen.

Im Rückblick hatte das N64 keine Nachteile durch diese damals kontroverse Entscheidung: Die full motion video-Zwischensequenzen der CD-basierten Konsolen sind heute eher cringe-Material, und spielerische Brillanz lässt sich mit ein paar Tricks auch auf ein Modul pressen. Interessanterweise wird Nintendo mit der für 2017 geplanten Konsole NX wohl wieder zu Modulen zurückkehren.

Revolution aus dem Stand

Und so begab sich Nintendo, mit rund zwei Jahren Verspätung zur Playstation und Segas Saturn, in die fünfte Generation der Videospielkonsolen und revolutionierte die Branche 1996 aus dem Stand mit dem 3D-Platformer Super Mario 64. Nie zuvor bot ein Spiel so viel Freiheit, herumzulaufen und zu erkunden. In Zeiten von GTA V und Skyrim mag  das selbstverständlich erscheinen – aber Mario 64 setzte eine frühe, sehr hohe Messlatte dafür, wie Bewegung in einem dreidimensionalen Raum aussehen und sich anfühlen muss.

Während 3D-Mario noch die Kinnladen nach unten klappen ließ – auch bei mir und meinen Eltern übrigens -, war der nächste Quantensprung bereits angekündigt. Die ersten Bilder von Zelda 64 erreichten mich durch E3-Screenshots im Videospielmagazin meines Vertrauens und Promo-VHS-Kassetten, die der lokale Spielwarenladen verteilte. Doch auf dem Weg dahin wartete eine Überraschung, die ebenfalls grundlegenden Einfluss auf die Branche ausüben sollte: Goldeneye 007.

Liebesgrüße aus Twycross

Obwohl Pierce Brosnans Bond-Premiere Goldeneye ein guter Film und ein Hit war, und obwohl Rare aus Twycross, England nach der Donkey Kong Country-Reihe zu Stars in Nintendos Entwicklerpool aufstiegen, waren die Erwartungen an das Goldeneye-Spiel nicht hoch: Filmadaptionen galten fast ohne Ausnahme als Wegwerftitel.

Umso größer war das Staunen, als das Spiel 1997 erschien. Goldeneye bot bahnbrechenden Realismus, komplexe Missionen mit variablen Zielen und einen packenden Multiplayermodus. Ohne dieses Spiel, das Gameplay und Ästhetik des japanischen Railshooters Virtua Cop und der frühen US-Shooter à la Doom kombinierte, würden Ego-Shooter heute deutlich anders aussehen – auf Konsolen, aber auch auf PCs.

Das beste Videospiel aller Zeiten

Der Rest ist Geschichte: Ende 1998 erschien The Legend of Zelda: Ocarina of Time, das erste 3D-Zelda und der erste „Haupt“-Titel in der Reihe seit A Link To The Past von 1991. Shigeru Miyamoto, der Picasso, Leonardo da Vinci und Beethoven der Kunstform Videospiele, hatte sein Meisterwerk abgeliefert, das noch heute zu Recht als das wohl beste Videospiel aller Zeiten gilt.

Ocarina of Time versetzte uns vom ersten Moment an in eine andere Welt – eine wunderschöne, vielfältige, lebendige Welt, in der die Zeit verstrich, im kleinen wie im Großen, während man über grüne Felder lief, Burgen und Höhlen erkundete und die Story lebte. Auf der technischen Seite innovierte das Spiel viele Mechaniken, die heute noch Standard sind, wie etwa die Ziel/Zentrierungsfunktion oder der Action-Knopf mit je nach Kontext variabler Belegung.

Against all odds

Und so kam es, dass das N64, ein Spätzünder mit Modulhandicap im Wettrennen der fünften Konsolengeneration, Videospielgeschichte schrieb: Nicht mit endlos aufgepowerter Hardware, sondern mit herausragender Software, genauer gesagt: brillanter Videospielkunst.

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