„Yolocaust“ – Provokante Kunstaktion zum Umgang mit dem Holocaust-Mahnmal

Eine der Fotomontagen (Screenshot von yolocaust.de)

Eine der Fotomontagen (Screenshot von yolocaust.de)

Es ist einer der touristischen Hotspots von Berlin: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, auch Holocaust-Mahnmal genannt. Der Stararchitekt Peter Eisenman konzipierte das rund 19.000 Quadratmeter große Gelände, das seit 2005 globale Bekanntheit erlangt hat.

Mit den vielen Besucher_innen aus aller Welt wuchs aber auch ein Problem: Das Denkmal wird als Hintergrund für Selfies oder andere Fotos verwendet, auf den Betonquadern wird herumgeklettert oder -gesprungen. Dieser Umgang mit einem Ort des Gedenkens wird von manchen als respektlos, pietätlos oder unsensibel kritisiert.

Diese Bewertung ist aber ebenfalls umstritten. Peter Eisenman selbst sagte in einem Interview zur Eröffnung 2005: „Es ist kein heiliger Ort“. Fotos, Picknicke, spielende Kinder und Filmdrehs würden dort stattfinden: „Das ist etwas, was ich nicht steuern kann“. Ihn störe diese Vorstellung nicht. Viele andere öffentliche Stimmen aber sehen in den Selfies, Posen und Akrobatik eine Entwürdigung des Gedenkens an die Opfer der Shoah.

Der israelische Autor und Satiriker Shahak Shapira hat jetzt eine Online-Kunstaktion gestartet, die diese Diskussion provokant aufgreift: Auf der Webseite yolocaust.de – eine Kombination aus dem aktuellen Jugendwort „yolo“, das für you only live once steht, und dem Begriff Holocaust – hat er Selfies und Fotos platziert, die öffentlich auf verschiedenen Social Media-Webseiten hochgeladen wurden.

Beim mouse over (dem Bewegen der Computer-Maus über das jeweilige Bild) wandelt sich das Bild und offenbart eine Fotomontage: Die Menschen in den Fotos wurden hier vor originale Aufnahmen aus Konzentrationslagern montiert, sie posieren vor halbtoten Inhaftierten oder springen auf Leichenbergen herum. So visualisiert der Künstler die Kritik des „Herumtrampelns“ auf dem Gedenken der Toten.

Shahak Shapira lebt in Berlin, im Mai 2016 wurde sein Buch „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde“ veröffentlicht. In kurzen Frage-Antwort-Sequenzen auf der Yolocaust-Webseite nimmt er selbst eine ambivalente Position in der Bewertung der Selfie-Problematik ein: „Das Verhalten mancher Menschen am Holocaust-Mahnmal bewerten viele als respektlos, ja. Aber die Opfer sind tot, also bleibt es fragwürdig, ob es sie die Bohne interessiert.“

Personen, die sich in einem der Bilder wiederfinden und nun extrem embarrassed sind, räumt Shapira übrigens eine Möglichkeit ein, ihr Bild und die entsprechende Fotomontage zu entfernen: Hierzu ist lediglich eine E-Mail an undouche.me@yolocaust.de nötig.

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