Der „Asylabwehr“-Panzer und die Satire: Finde den Fehler

 

Karneval. Die fünfte Jahreszeit. Eine Gelegenheit, in jeder Hinsicht mal ordentlich auf die Kacke zu hauen. Wie mittlerweile bestens bekannt, wollten ein paar Narren in Thüringen der political correctness so richtig eins auswischen und fuhren mit einem nachgemachten Panzer auf – geschmückt von einem eisernen Kreuz und den Aufschriften „Asylpaket III“ und „Ilmtaler Asylabwehr“. Ein Zuschauer ließ die Kirche nicht im Dorf, es wurde publik, große Aufregung, die Staatsanwaltschaft ermittelt, und jetzt die Gegen-Aufregung: Ist das nicht Satire? Darf die nicht alles?

Die richtige Frage ist vielleicht nicht unbedingt: „Ist das legal?“, sondern eher „Ist das angemessen?“ Das würde im Zweifelsfall den Satiriker von der Zynikerin unterscheiden. Aber zunächst zwei weitere Karnevalsperlen anno 2016, frisch aus der deutschen Volkseele: Behausungen von „Indianern“, gemeint sind die Ureinwohner Nordamerikas, mit der sinngemäßen Beschriftung, dass diese sich „auch“ nicht der Einwanderung widersetzen konnten und nun in Reservaten lebten; und ein Wagen mit dem Banner: „Wir sitzen auf dem Pulverfass und Mutti sagt, wir schaffen das“. So weit, so beschämend.

Karnevalistische Polit-Provokation ist Überspitzung, Angriff, wohlwollend bis anprangernd und feinsinnig bis geschmacklos – aber im Kern immer konkretes politisches Empfinden. Was steht also hinter einer solchen „Gaudi“ auf Kosten von Asylsuchenden und Geflüchteten? Ganz einfach: Ein „Asyl-Panzer“ macht sich zumindest die AfD-Schießbefehl-Argumentation zu eigen. Wer meint, die Situation deutschstämmiger Deutscher wäre mit den historischen Gegebenheiten um die Unterdrückung der „Indianer“ vergleichbar, vollführt olympiareife Gedankensprünge und steht in der langen Tradition der deutschen politischen Rechten, sich und dieses Land in die Opferrolle zu stecken.

Den Grand Prix du Cynisme gewinnt allerdings die implizite Behauptung, die Anwesenheit von Geflüchteten mache Deutschland zu einem „Pulverfass“. Man wird müde, es zu betonen, aber diese Menschen fliehen schlimmstenfalls vor Folter und Bürgerkrieg, bestenfalls angesichts katastrophaler wirtschaftlicher Zustände und einer Aussichtslosigkeit, die sie ihr Leben riskieren lässt in der Hoffnung auf etwas Besseres. Das sind Erfahrungen, von denen unsere westeuropäische Wohlstandsblase siebzig Jahre und zwei Generationen entfernt ist. Ich wage zu sagen: Da können wir nicht mitreden.

Satire darf wehtun, um durch beschämtes Lachen und widerwillige Zustimmung Missstände aufzudecken. Doch was sind legitime Ziele? So beliebte wie kontroverse Attacken wurden in den letzten Jahren verübt auf die katholische Kirche im Zuge der Missbrauchsskandale, auf den Islam bzw. Islamismus und dessen gewalttätige Auswüchse, das politische Establishment weltweit, die Bankenbranche – und nun Geflüchtete. Finde den Fehler.

Das spricht Bände über die politische Einstellung der „Satiriker“. Es offenbart, dass nach fünf Jahren Bürgerkrieg in Syrien, fast einem Jahr „System LaGeSo“, einer massiv steigenden Anzahl von Anschlägen auf Unterkünfte, nach Pegida- und AfD-Hetze etc. pp. viele den Ankommenden noch immer den Status der Hilfsbedürftigkeit verneinen; dass viele sie als konkrete Bedrohung ihres Lebenswandels empfinden; dass viele das Narrativ von der „Überfremdung und Islamisierung unseres Landes“ akzeptieren – und dass viele nicht instinktiv vor dem Gedanken zurückschrecken, Gewalt gegen diese Menschen einzusetzen. Das macht Angst.

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